Die Radarreflektivität ist oft das Erste, worauf Nutzer schauen, wenn sie Wetterradarkarten analysieren. Sie zeigt, wo Niederschlag fällt und wie stark er ist. Doch die Reflektivität allein zeigt nicht das ganze Bild – vor allem nicht beim Wind. Für Wetterbegeisterte, die tiefer einsteigen möchten, erschließt RainViewer PRO Radar eine weitere aussagekräftige Informationsebene: die Radialgeschwindigkeit.
In diesem Beitrag sehen wir uns zwei eng verwandte Radarprodukte an: VRAD und VRADH. Beide sind Formen von Radialgeschwindigkeitsdaten und wichtige Werkzeuge, um Rotation in Gewittern zu erkennen, Windscherung aufzuspüren und Strömungsmuster in Echtzeit zu analysieren.
Was ist Radialgeschwindigkeit?
Bevor wir zu den einzelnen Produkten kommen, klären wir, was „Radialgeschwindigkeit“ eigentlich bedeutet.
Die Radialgeschwindigkeit bezeichnet den Anteil der Windgeschwindigkeit, der sich direkt auf eine Radarstation zu oder von ihr weg bewegt. Gemessen wird sie über den Doppler-Effekt: Wenn ein Radarimpuls an Niederschlagspartikeln reflektiert wird, verändert deren Bewegung die Frequenz des zurückkommenden Signals. Anhand dieser Frequenzverschiebung kann das Radar bestimmen, ob sich die Partikel auf das Radar zu oder von ihm weg bewegen – und mit welcher Geschwindigkeit.

Quelle: NWS Milwaukee, erau.edu
Damit ist die Radialgeschwindigkeit eines der wichtigsten Werkzeuge in der Doppler-Radar-Meteorologie. Anders als die Reflektivität, die nur zeigt, wo Niederschlag auftritt, gibt die Radialgeschwindigkeit einen Eindruck von der Bewegung innerhalb eines Gewitters.
Zum Beispiel:
- Einwärts gerichtete Geschwindigkeiten (Winde, die sich auf das Radar zu bewegen) werden üblicherweise in Grün oder Blau dargestellt.
- Auswärts gerichtete Geschwindigkeiten (Winde, die sich vom Radar weg bewegen) erscheinen in Rot oder Pink.
Wo diese entgegengesetzten Bewegungen dicht beieinanderliegen, halten Meteorologen nach möglicher Rotation Ausschau - ein Anzeichen für entstehende Mesozyklonen und potenzielle Tornados .
Wo finde ich die Radialgeschwindigkeit in RainViewer?
Die Radialgeschwindigkeitsprodukte finden Sie in der PRO Radar -Ebene von RainViewer. Sobald Sie eine mit PRO markierte Radarstation auswählen, sehen Sie eine Liste der für diese Station verfügbaren Produkte. Die geschwindigkeitsbezogenen Produkte sind:
- VRAD: Rohe Radialgeschwindigkeit
- VRADH: Radialgeschwindigkeit in größerer Höhe
Sehen wir uns an, was jedes davon bietet und wie Sie es wirkungsvoll einsetzen.
VRAD: Rohe Radialgeschwindigkeit
VRAD ist das zentrale Radialgeschwindigkeitsprodukt. Es zeigt die Bewegung von Hydrometeoren (Regen, Schnee, Hagel usw.) direkt auf das Radar zu oder von ihm weg. Diese Daten stammen aus der niedrigsten Elevationsabtastung des Radars, typischerweise etwa 0,5° über dem Horizont.

Was Sie sehen
- Eine Nahansicht von Windgeschwindigkeit und -richtung nahe der Erdoberfläche (die tatsächliche Strahlhöhe hängt jedoch von der Entfernung zum Radar ab).
- Farbcodierte Verläufe, die einwärts und auswärts gerichtete Bewegung zeigen.
Wie Sie es lesen
- Achten Sie auf dicht beieinanderliegende Verläufe, in denen Rot und Grün aneinandergrenzen. Sie können auf Rotation hinweisen, besonders in Superzellen.
- Große Bereiche einheitlicher Farbe können Outflow-Grenzen, Böenfronten oder Low-Level-Jets sichtbar machen.
- Kräftige Grün- oder Rottöne deuten oft auf starke Winde hin, die Unwettergefahren mit sich bringen können.
VRADH: Radialgeschwindigkeit in größerer Höhe
VRADH liefert die gleiche Art von Daten wie VRAD, allerdings aus einem höheren Elevationswinkel.
Warum VRADH nutzen?
Die Gewitterdynamik verändert sich mit der Höhe. VRADH ermöglicht Ihnen:
- Rotation in mittleren Höhen oberhalb der Erdoberfläche zu analysieren.
- Aufwinde und Divergenzmuster in höheren Bereichen der Gewittersäule zu erkennen.
- Den Vergleich mit VRAD, um zu prüfen, ob sich bodennahe Rotation nach oben fortsetzt.
Im Bild unten gibt es südlich von Neumünster (nahe Boostedt) ein Gebiet, in dem auswärts gerichtete (rote) und einwärts gerichtete (grüne) Winde aufeinander zulaufen. Das könnte auf bodennahe Konvergenz oder breitflächigen Einstrom hindeuten.

Einschränkung
Abtastungen in höherer Elevation erfassen ein kleineres Gebiet, besonders in geringer Entfernung. Außerdem beobachten Sie Winde in größeren Höhen, die sich deutlich von den Verhältnissen am Boden unterscheiden können.
Praktische Tipps für RainViewer-Nutzer
Wenn Sie neu mit Geschwindigkeitsprodukten arbeiten, kann die Lernkurve steil erscheinen. Doch es lohnt sich. Hier einige Tipps, wie Sie VRAD und VRADH in Ihre Radarbeobachtung einbinden:
1. Vergleichen Sie immer mit der Reflektivität
Die Geschwindigkeit zeigt Ihnen, wie sich Winde bewegen, aber nicht die Intensität oder Art des Niederschlags. Nutzen Sie die Reflektivität gemeinsam mit der Radialgeschwindigkeit, um die gesamte Struktur eines Gewitters zu verstehen.
2. Achten Sie auf Couplet-Muster
Ein klassisches Zeichen für Rotation ist ein Couplet: Rot (auswärts) direkt neben Grün (einwärts). Je enger der Verlauf, desto stärker die Rotation. Verfolgen Sie, wie sich diese Merkmale im Laufe der Zeit entwickeln - werden sie enger, breiter, oder verlagern sie sich?
Im mittleren Bereich der Abtastung im Bild unten ist zum Beispiel eine deutliche Zone zu sehen, in der Grün- und Rottöne direkt aneinandergrenzen. Das ist häufig ein Anzeichen für Rotation – möglicherweise eine Mesozyklone.

Warum die Radialgeschwindigkeit wichtig ist
Radialgeschwindigkeitsprodukte sind nicht nur „nice to have“. Sie sind unerlässlich, um die inneren Abläufe von Gewittern zu verstehen. Das können Sie damit machen:
- Tornado-Potenzial erkennen, bevor ein Tornado den Boden berührt.
- Squall Lines verfolgen und erkennen, wo Schadwinde entstehen können.
- Gewitter-Outflows, Microbursts und mesoskalige Grenzen analysieren.
- Verschiedene Elevationsebenen vergleichen, um Struktur und Entwicklung eines Gewitters zu verstehen.
Sehen Sie sich die Abtastung unten an. Dort zeigt sich ein Durcheinander abwechselnd grüner und roter Pixel, was auf Folgendes hindeutet:
- Moderate Turbulenz oder Scherung
- Möglicherweise Outflow-Grenzen oder bodennahe Windsprungzonen
- Keine organisierte Rotation, aber einzelne lokale Bereiche mit Geschwindigkeitsänderungen
Eine solche Abtastung ist besonders hilfreich, um:
- Microbursts zu erkennen
- Kollisionen von Grenzen zu verfolgen
- „Rotationskeime“ in konvektiven Umgebungen im Blick zu behalten

Fazit
VRAD und VRADH bieten eine einzigartige Perspektive auf Windbewegungen. Gemeinsam ergeben sie ein mehrdimensionales Bild der Gewitterdynamik und verändern, wie Sie den Himmel wahrnehmen.
Wenn also das nächste Mal ein Gewitter in Ihrer Nähe aufzieht, schauen Sie nicht nur auf die Reflektivität. Öffnen Sie die Geschwindigkeitsebenen. Studieren Sie die Couplets. Vergleichen Sie die Elevationswinkel. Testen Sie Ihre Interpretationsfähigkeiten. Je mehr Sie sich damit befassen, desto intuitiver wird es.
Und wenn Sie einmal etwas Spannendes entdecken - teilen Sie es mit der RainViewer-Community. Jede Beobachtung ist eine Chance, zu lernen, Eindrücke zu vergleichen und unsere gemeinsame Vorhersagekunst zu verbessern.




